Von Gezeiten auf die Insel gespült und tief bereichert ...
Tsepo Bollwinkel Keele ist zutiefst geprägt vonlebensgeschichtlichen Ausgangspositionen, die gesellschaftliche und sozialeTrennungen widerspiegeln: beheimatet in Südafrika aber im deutschen Exillebend, in den Denkmustern Europas Schwarz positioniert, im Globalen Süden aberweiß gelesen, ein halbes Leben "eindeutig"weiblich und die zweiteHälfte "eindeutig" männlich wahrgenommen werdend, aber sich schonlange jenseits der geschlechtlichen Binaritäten verortend, aus Armut in denakademischen Mittelstand aufgestiegen aber ohne jemals Eigentum oder Ersparteserreichen zu können, als autistische Person die Wirkmechanismen unsererWirklichkeit überdeutlich erkennend aber immer fremd in dieser Welt. DieKonsequenz aus all dem ist ein Leben, das sich der (Rück-)verbindung undAuflösung von Trennungen verschrieben hat, früher künstlerisch schaffend durchMusik, heute bildungsarbeitend zu sozialen Fragen, in der Ahn*innenarbeit, alsRitual haltende Person.

Vielleicht war dies das "Projekt" des Aufenthaltes: kein Projekt zu starten oder voranzubringen sondern Altes aufzuarbeiten und dann loszulassen. Innezuhalten und darin Raum für Neues, vor allem Ungeahntes zu schaffen und staunend auszuhalten. Zu dem Alten, das gehen durfte, gehören u. a. zwei bereits halbfertige Buchprojekte, die beides (mißgelaunte) Abrechnungen mit historischen Phänomenen sein sollten. Die verblüffte Erkenntnis war, dass die alte (und berechtigte) Wut keinen Raum mehr braucht, dass die Trennungen, die sich durch das Abrechnen manifestieren wollten, keine Energie mehr erhalten sollen. Und nach dem Aufgeben begannen sich vebindende, ent-trennende Themen zu zwei neuen Buchprojekten zu formen. Eines davon braucht nur noch stille Zeit zum Aufschreiben, eines will erst in der eigenen Lebenspraxis erprobt werden, was ausgesprochend herausfordernd ist. Vielleicht lässt sich die Aufgabe des Aufenthaltes auch ganz anders beschreiben: In der Stille tiefer hören.
